Kokon aus Musik

Ich ertappe mich dabei, wie ich immer wieder „One“ höre, in der Version von Johnny Cash. Ob es da etwas ausmacht, dass das für mich etwas (end)Gültiges hat? Oder ob es mir nur einfach gefällt? Das Baden im schönen Weltschmerz? Kitschy? Dann auch „Bird on the wire“, Beides uralte Songs, die mich begleitet haben, die immer da waren. Ich höre die Version von Tim Hardin. Im Unterschied zu der von Leo Cohen ist sie nackt, unumwunden, niederschmetternd für das Ego. Jedenfalls tief gehend. Themen, Motive, die mich umspülten, einhüllten, Trost gaben, aufmunterten, Richtungen, Möglichkeiten zeigten. Jetzt gewinnen sie einen anderen Ernst. Ja klar, prominente Songs. Jeder ab einem bestimmten Alter kennt sie. Aber sie gewannen Persönliches für mich. Es gab einen Kokon aus Songs, Ausdrücken, emotionalen Statements, die mich – wie das „Geschäft“ sagt – berührten und immer wieder auf mich zukamen. 

Popular Zeitgeist

Amy Winehouse, Jimi Hendrix, Jim Morrison und andere Rockstars: alle mit 27 Jahren gestorben. Haben kurz und intensiv aufgeblüht. Sie sind dann in ihrem eigenen Mythos untergegangen und ins Grab gesunken. Die Rockszene hat romantische Projektionen darüber gesponnen. Auch weil es einmal dem Zeitgeist entsprach. Die Welt romantisieren: kurz und intensiv der Ekstase entgegen, mit flirrenden Versen und einem aus dem tiefsten Innern kommendem Impuls des Musischen. Voller Visionen und unerreichten Horizonten. Die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit erkunden. War es das? Oder war es ein Spiel mit Versatzstücken, berechnend und kalt? Der heutige Zeitgeist würde einem solches mit einem Grinsen nahe legen. Die endliche Existenz überwinden: ob da auch Drogen ihre Rolle gespielt haben mögen? Nicht nur die Technoszene gibt da eindeutige Antworten. Im Rausch der Maschinen in eine spezielle Hypnose kommen. Die ihre Macht über uns ausübte, lange vor KI. Das alles nun wiederum wäre der Romantik kaum anzulasten. Ihre Romantisierung will sie meist aus sich heraus und nicht mit wundersamen Hilfsmittelchen erreichen. Oder? Kam etwa die englische Romantik da auch ein bisschen ins genussvolle Schleudern? Shelley, Byron und ähnliche Geister, deren späte Nachfolger sich in der Gothic-Szene tummelten? Romantizismen solcher Art sind in der Popmusik längst verschwunden und eiskalten Marketing-Strategien gewichen, so scheint es. Die zeitgeistige Welt ist aus dieser Sicht codiert, hat in all ihren Elementen ihre Funktion, die es unter wissenschaftlichen Aspekten zu erkennen gilt. Positivistisch. Einzeln. Vereinzelt. Spezialisiert. So etwas mag das schiere Gegenteil von Romantik verkörpern.

X

x

 

Amy Winehouse, Jimi Hendrix, Jim Morrison and other rock stars: all died at the age of 27. They blossomed briefly and intensely. Then they sank into their own myth and into the grave. The rock scene spun romantic projections about them. Also because it was once in keeping with the spirit of the times. Romanticizing the world: briefly and intensely towards ecstasy, with shimmering verses and an impulse of the artistic coming from deep within. Full of visions and unattainable horizons. Exploring the reality behind reality. Was that it? Or was it a game of set pieces, calculating and cold? Today's spirit of the times would suggest such a thing with a grin. Overcoming finite existence: did drugs play a role in that? It is not only the techno scene that provides clear answers. Entering a special hypnosis in the intoxication of machines. That exerted its power over us long before AI. All of this, on the other hand, could hardly be blamed on romanticism. Its romanticization is usually something it wants to achieve from within itself and not with miraculous aids. Or is it? Did English Romanticism also get a bit of a slump in pleasure? Shelley, Byron and similar spirits, whose late successors cavorted in the Gothic scene? Romanticisms of this kind have long since disappeared from pop music and given way to ice-cold marketing strategies, or so it seems. From this perspective, the zeitgeist world is coded, has its function in all its elements, which must be recognized from a scientific perspective. Positivistic. Individual. Isolated. Specialized. Something like that may embody the complete opposite of Romanticism. 

Vorbilder

Es gab in der Rockmusik früher oft fein ziselierte Klänge/Klangebilde und lyrische Zeilen, die man auch für „romantisch“ hätte halten können. Der romantische Künstler scheint dabei in vielerlei Hinsicht das „Role Model“ dafür abgegeben zu haben. Betonung der Individualität, Befreiung der Bedürfnisse, Kritik an der Konsumgesellschaft und dem, was als „normal“ verkauft wird, Spießertum, Kleingeisterei u.ä. Bei genauerem Hinsehen war dieser romantische „Effekt“ jedoch allzu oft beabsichtigt und sollte auf der Ebene dahinter oft genug dem Zweck der Umsatzsteigerung dienen. Dass die Künstler oft selbst empfindsame Geister waren, wurde da gerne in den Dienst genommen, weil die „Fans“ ja an solche Haltungen und Gegebenheiten von Künstlern glaubten. Sie wurden oft genug (und manchmal auch zu Recht) als hochsensible Geister angesehen, die einem brutalen Materialismus ausgeliefert waren. Blöd nur, dass es nicht wenige „Künstler“ auf diesem Terrain gab, die sich in den von der Gesellschaft propagierten Reichtum, in Villen, Schlösser und Nobelkarossen flüchteten. Unbemerkt waren sie auf diese Weise in die Fänge der brutal materialistischen Kräfte der Gesellschaft geraten. Im Nachhinein wurde dies mit allerlei Rechtfertigungsstrategien versehen: kreative Geister von solchem Format sei so etwas nachgesehen und es ginge ja überhaupt um das Ringen um Anerkennung, um sozialen Status, der dadurch zu erreichen war. Es ging um Mimikry, um subversives Verhalten, um ein Einschleichen in soziale Rollen, - letztlich um so etwas wie den „Marsch durch die Institutionen“. Die dabei auftretende Deformation des Bewusstseins, die Korruption durch das „große Geld“, all dies wurde schulterzuckend zur Kenntnis genommen.  

Klarheit

Was ich entdecke, weil ich eine Art „Investitur“ mache: Ich habe etwas aufbewahrt, dem ich über die Jahre hinweg so etwas wie eine Präferenz zumaß, an dem ich anderes maß, bewusst und unbewusst. Über lange Jahre hinweg war Sandy Denny trotzdem nicht an meine Ohren getreten. Sie war kein musikalisches „Fast Food“, das zu hören ich oft gezwungen war. Aber jetzt, die Sandy Denny-Kassette „A boxful of Treasure“ („eine Kiste mit Kostbarkeiten“). Ich erinnerte mich, dass mir damals Wege gezeigt wurden, Arten, wie man etwas ausdrücken kann. Ben, ihre Lieder, teilweise unveröffentlicht und Live-Mitschnitte. Ein unprätentiöser fast bäuerischer Gesang eines Engels der Klarheit. Ich habe mir in Erinnerung gebracht, was mich immer schon bewegte: Dieses uneitle Singen, niemals auf massenhaftem Gefallen abgestimmt, nicht auf „Verkaufen“ abgerichtet, sondern eine angestrebte Übereinstimmung mit sich selbst. Da sind diese langsam sich entwickelnden Balladen, die dem in Deutschland herrschenden Zeitgeist fremd blieben. Sie machte sowas auch als Sängerin für Fairport Convention und deren zahlreiche Splittergruppen. Sie sang einmal für Led Zeppelin. Die sich ziehenden Verläufe, die einem das Zuhören abnötigen, bevor sie einem etwas geben. Auf dass man mit Perlen beschenkt werde. Dieses unbeirrte „in eine Richtung gehen“. Dieses „identisch mit sich selbst“ sein wollen. Sie hat in ihrem Leben viel Pech gehabt. Soll schließlich eine Treppe herabgestürzt und gestorben sein. Sie schien manchmal ins Unglück verliebt zu sein, melancholisch sinnierend, über sich hinaus schauend, eine große Klarheit ausstrahlend. Sie schwelgte, so scheint es mir wieder, nie in Übertreibungen, sondern blieb bescheiden direkt. Sie pflegte ihre spezielle Art der Konzentration und Ernsthaftigkeit. Ihre Lieder waren menschlich individuelle Äußerungen, nicht Ergebnis eines kollektiven Zielens auf Zuspruch. Ihre Version der Leidenschaft, ihr Brennen waren ihr Ausdruck. Sie spielte mit dem Bekannten und mit dem Unbekannten. Mit „Ecoute, ecoute“ sang sie gar einen kompletten Song auf Französisch. Sandy Denny hat an Wände gespielt und die Abpraller kamen auf uns. Wir sollten damit natürlich umgehen. Da war kein Protzen, kein „Sich verkaufen“. Vielmehr so etwas wie ein „Hier steh ich und kann nicht anders“. Introversion statt Extroversion. Ein „In sich gekehrt sein“ und weniger ein „aussich heraus gehen“. Nicht dieses zeitweise etwas verlogene Zusammenrücken am Lagerfeuer, sondern die musikalisch umkreiste Einsamkeit, das Leid. Und ihre Stimme. Das ein verborgenes Juwel aus dem Schatten heraus leuchten ließ. Da ist noch kein „einer möglichst großen Masse von Leuten gefallen“, da sind noch nicht die Meuten an Managern, die alle was ab haben wollen, die Berater, Experten und Parsiten. Stattdessen ist uns eine große Klarheit geschenkt.       

Funky Punky

Ja klar, man hatte das alles live mitgekriegt. Aber der Punk ist längst zu einem musealen Ausstellungsstück geworden, ist gebröckelt und zerstoben. Wohin sind seine Protagonisten? Wir wissen es nicht. Verschwunden. Damals und heute hatten wir „Stop making sense“ sehr gerne gesehen. Dadaismus, in den scheinbar Kundige unbedingt etwas hinein interpretieren mussten (Klamotten zu groß etc.). David Byrne aber, der Oberanführer, erschien mir als ein Punk jener Art, dem ich folgen konnte. „Psycho Killer“ war eine erste Hymne, ein dringlich lächerliches Statement in einer Welt der Verzweiflung und fehlenden Zukunft. Das alles war eingehüllt in einen Sound, der in seinem organisierten Chaos auch Slogans, Verweise, Rebellion als Zitat und ein Lächeln aufblitzen ließ. Humor. Krach. Emotion. Ein anregendes Gemisch. Was war davor gewesen? Supergroups? Große Könner, die sich um sich selbst drehten? Genesis und Yes? Aus dem Dreck heraus in zivilisierte Kultur. Wiedergewonnenes Pathos. Große Auftritte. Drogentote. Dann der Rückzug ins Einfache. Die Reaktion auf die Umwelt in uns. Tausend Revivals, der große Trip ins Geldverdienen. Danach wieder Verschwinden. Jetzt kommen die Punkveteranen als erfolgreiche Geldverdiener wieder, als Ärzte, Rechtsanwälte, Immobilienentwickler. Sie halten jetzt große Reden über Rebellion, wobei das, woraus sie einmal geschöpft hatten, längst verraten und verkauft scheint. Und welche Rolle spielen eigentlich die Punks der Rechten? Die auf Gewalt stehen? Von außen gesehen erscheint uns alles als durchlöchert. Obsolet. Zitat eines Zitats. Unterm Dreck hervor geholt.

X

x

 

Yes, of course, you heard it all live. But punk has long since become a museum exhibit, has crumbled and shattered. Where have his protagonists gone? We do not know it. Disappeared. We really enjoyed watching “Stop making sense” then and now. Dadaism, into which seemingly knowledgeable people absolutely had to interpret something (clothes too big, etc.). But David Byrne, the leader, seemed like the kind of punk I could follow. “Psycho Killer” was a first anthem, an urgently ridiculous statement in a world of despair and no future. All of this was wrapped in a sound that, in its organized chaos, also flashed slogans, references, rebellion as a quote and a smile. Humor. noise. Emotion. A stimulating mixture. What had happened before? Supergroups? Great experts who revolved around themselves? Genesis and Yes? Out of the dirt into civilized culture. Regained pathos. Big performances. Drug deaths. Then the retreat into simplicity. The reaction to the environment within us. A thousand revivals, the big trip to making money. Then disappear again. Now the punk veterans are coming back as successful money earners, as doctors, lawyers, real estate developers. They now make big speeches about rebellion, although what they once drew from seems to have long since been betrayed and sold. And what role do the punks on the right actually play? Who like violence? Seen from the outside, everything appears to be full of holes. Obsolete. Quote of a quote. Brought out from under the dirt.